Die Kunst des Heilens. Eine medizinische Geschichte der Menschheit von der Antike bis heute
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Brauchbares historisches Werk, kein medizinisches
• • • • •   (bewertet mit 3 von 5 Punkten)

Man fragt sich nach Lektüre dieses 800-Seiten-Wälzers schon, was einen medizinischen Laien dazu bewegt haben mag, Jahre seines Lebens mit der Abfassung eines Buches zu verbringen, das sein zentrales Thema verfehlt - nämlich darüber zu sprechen, was Heilen sein könnte.

Stattdessen ist es ein auf historischer Ebene durchaus ansprechendes Werk geworden, dessen geschichtlich weiter Bogen etwas überspannt wirkt. Roy Porter bereist die Welt gedanklich über 4000 Jahre in einer Nussschale, und streift dabei alles nur flüchtig, ohne den Kern einzelner medizinischer Thesen, Galens Säftelehre, die Mönchsmedizin, die Hexenkunst, die Signaturenlehre, die Homöopathie, etc. überhaupt begreifen, diskutieren oder darstellen zu wollen.

Stattdessen geht es um die Perspektive von "Gewinnern der Geschichte" wie Impfpäpste, Neurochirurgen oder Kardiologen. Das Buch dient im Endeffekt nur dazu, zu erklären, weshalb die Menschen in unseren Kreisen so gesund geworden sind - siehe Durchschnittslebensalter. Die hohen Gesundheitsausgaben erscheinen Porter dann als Paradox und Selbsttäuschung der Menschen, die glauben, Naturheilkunde zu brauchen, obwohl sie doch bumsfidel ihre Tage fristen könnten. Dieses Fazit seines Streifzugs läßt den Autor weltfremd wirken.

Ich fand das Werk an manchen Stellen schon arg einseitig und wenig informiert. Alternative Heilweisen stehen als emotionale Verirrungen da, die Patienten daran hindern, wirksame Arzneien wie Antibiotika, Cortison und Co. zu bekommen. Die gesamte Strömung der Naturmedizin existiert beim Autor nur als Zerrbild und in Bruchstücken, und selbst Paracelsus, der als Vater der Schulmedizin gefeiert wird, scheint ihm verdächtig, weil er Jahrhunderte nach seinem Tod zur Nazizeit geschätzt wurde. Gerade das ausgeprägte Selbstbewußtsein von Galen oder Paracelsus, die viele Generationen von Ärzten in ihren Bann gezogen haben, kreidet ihnen Porter neidisch als Maßlosigkeit an, ohne ihren Jahrhundertcharakter zu würdigen.

So wird das Buch zu einer historisch detaillierten, gut lesbaren Darstellung der Wurzeln der Schulmedizin. Es ist ein durchaus brauchbares, oft sympathisches Nachschlagwerk und eine unerschöpfliche Quelle von Anekdoten über Große der Medizin. Seinen Anspruch, über Heilkunst zu sprechen, kann es allerdings nicht einlösen.
Eine Rezension von B. Rieger > Bamberg Deutschland
vom 27. Mai 2004
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